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Antira | Feminismus

Köln ist überall

Die vermeintlichen „neuen Wortführer*innen“

Köln, Silvester, sexualisierte Gewalt gegen Frauen, die Täter, vermutlich arabischer und nordafrikanischer Herkunft. Letzteres war bereits „klar“ noch bevor überhaupt klar war, was eigentlich in Köln genau passiert ist. Aber plötzlich oder vermutlich genau deswegen, möchte die Gesellschaft nun über Sexismus und sexualisierte Gewalt reden. Und genau deswegen tut sie es gerade nicht. Denn für viele ist mittlerweile unumstritten, dass sexualisierte Gewalt importiert ist und sich diese nur wieder „loswerden“ lässt, wenn die Grenzen dicht gemacht und alle Geflüchteten abgeschoben werden. Die neuen Wortführer*innen in dieser (Nicht-)Debatte rekrutieren sich beispielsweise aus Parteien, deren Vertreter*innen 1997 noch für die Straffreiheit von Vergewaltigung in der Ehe gestimmt haben. Andere sind glühende Unterstützer*innen des jährlich stattfindenden „Marsches für das Leben“, dessen Forderung nach einer Verschärfung des §218 StGB ganz oben auf der Agenda steht und nach dessen Idealvorstellung auch vergewaltigte Frauen keinen Schwangerschaftsabbruch mehr durchführen können sollten. Menschen, die nach dem Gesetz zur Rezeptfreiheit der Pille erstmal die Befürchtung hatten, Frauen und Mädchen könnten diese nun wie Smarties in sich hineinstopfen und gleichzeitig von der Banalität reden, um die es bei Brüderles „Dirndlwitz“ im Vergleich zu Köln doch gegangen wäre. Und die sich zu guter Letzt beschweren, dass es aktuell keinen Aufschrei gäbe. Ihr wollt es nicht hören, aber unser Aufschrei hat nie aufgehört. Ihr habt nur nicht zugehört!

Schöne Grüße aus Deutschland

Aber gut, dass bevor alle Männer (mit der „falschen“ Hautfarbe) endlich abgeschoben sind, wir Frauen wenigstens einen Erste-Hilfe-Tipp von der Oberbürgermeisterin Kölns erhalten: „Eine Armlänge Abstand halten“. Eine Gesellschaft, die Frauen so erzieht, dass Frauen weiblichen Betroffenen und potentiellen Betroffenen den Tipp geben, sich zukünftig in Menschenmengen eine Armlänge von „Fremden“ fernzuhalten, kann sich nicht frei von Sexismus sprechen. Ganz im Gegenteil, denn hier wird der strukturell verankerte Sexismus sehr deutlich: Betroffene werden zu Mitschuldigen gemacht. Gilt auch für andere mittlerweile wieder aus der Versenkung aufgetauchten Kronzeuginnen, die ganze Buchtitel danach benennen, dass Frauen eben ihre Bluse zuknüpfen sollten. Aber nein, nackte Frauenkörper auf Bierfässern, überschrieben mit „Fass mich an“, haben natürlich nichts mit Sexismus sondern mit dem Ausdruck unserer Freiheit zu tun. Und weil wir so unglaublich aufgeklärt sind, gibt es bei uns auch Postkarten in Souvenirläden zu kaufen, auf denen steht, dass das „Nein“ einer Frau eigentlich ein „Ja“ bedeutet. Schöne Grüße aus Deutschland.

„Integration“? In was denn bitte?

In einem Blogbeitrag stieß ich auf eine polemisch formulierte Frage: „Bedeutet Integration in die deutsche Gesellschaft zu lernen, als Einzelner eine Frau in eine dunkle Ecke zu zerren und dort zu vergewaltigen?“. Und aufgrund eines mangelhaft ausgestalteten Sexualstrafrechts am Ende freigesprochen zu werden, weil die Frau nicht nachweisen konnte, dass sie sich dagegen gewehrt hat? Oder ist mit Integration eher gemeint, dass sich zukünftige Täter bitte an der neunköpfigen Musikkapelle orientieren, die auf einem Dorffest eine junge Kellnerin vergewaltigt hat, nachdem sie ausrutschte, sich an den Scherben zerbrochener Bierkrüge schnitt und beinahe verblutete, während sie von allen vergewaltigt wurde? Die (deutschen) Familienväter wurden übrigens alle freigesprochen. Hervorragend nachzulesen in von Schirachs „Schuld“.

Was lernen wir daraus? Sexualisierte Gewalt ist nicht importiert! Und sollten wir jemals ernsthaft über sexualisierte Gewalt reden, können wir auch mal thematisieren, wie oft diese (auch in Deutschland) gegen Menschen anderer sexueller Identität und Orientierung aus dem Motiv heraus verübt wird, dass beispielsweise lesbische Frauen eben noch nicht den richtigen Mann gefunden hätten und wieder auf den richtigen Weg gebracht werden müssten. Die gesellschaftliche Anerkennung von Menschen mit anderen Lebensweisen und die Infragestellung der Heteronormativität über eine thematische Verankerung in Lehrplänen könnten an dieser Stelle hilfreich sein. Bildung ist doch der richtige Schritt zur sog. Integration, oder etwa nicht? Aber das wäre den neuen selbsternannten Kreuzritter*innen mit ihrem Schlachtruf #SchütztunsereFrauen wohl doch wieder zu viel des Guten. Ist halt doch etwas komplizierter mit der Bekämpfung sexualisierter Gewalt.

Die vermeintliche Suche nach dem „einzigen“ Grund

Wer in diesem Zusammenhang lieber über eine vermehrte Abschiebung Geflüchteter diskutiert als über den Ausbau von Präventivmaßnahmen, eine bessere oder teilweise überhaupt existierende Finanzierung von Stellen, die sich um Betroffene sexualisierter Gewalt kümmern oder darüber wie Vertreter*innen des Staates besser für sexuelle Übergriffe sensibilisiert werden können, hat nicht begriffen, dass sich der Ursprung sexualisierter Gewalt und Sexismus nicht auf die Herkunft der Täter reduzieren lässt. Diese Gesellschaft, diese Welt, die meisten Kulturen und alle Religionen sind derartig durchzogen von patriarchalen Strukturen, dass die Reduzierung auf eine einzige Religion, in der das Grundübel zu finden sei, die nächste Absurdität darstellt und letztendlich andere Betroffene sexualisierter Gewalt verhöhnt.

Selbstverständlich kann über religiös und kulturell unterschiedliche bedingte Sozialisation in solchen Fällen diskutiert werden, das muss es sogar. Denn die Musikkapelle ist im „christlichen Abendland“ aufgewachsen, während andere vielleicht aus Ländern kommen, in denen die Stimme der Frau bei Gerichtsverfahren nur die Hälfte von der eines Mannes zählt. Aber bitte nicht getrennt voneinander, um den eigenen Sexismus und die sexuellen Übergriffe durch Deutsche zu relativieren oder gar so zu tun als ob es das alles bis heute nie gegeben hätten. Die momentane Richtung der Debatte ist fatal für die ernsthafte Bekämpfung von sexistischen Strukturen und sexuell motivierten Straftaten. Kulturen, Religionen, Bilder über den „sexualisierten Westen“ und den „verschleierten Orient“, das alles interagiert auch tausende Kilometer voneinander entfernt miteinander. Ein gewisses Bild, das wir selbst von Frauen exportieren, bestärkt auch teilweise ein Bild über Frauen auf der „anderen“ Seite und ist nicht nur durch die Auslegung religiöser Schriften bestimmt. Ebenso wird hier gewissen radikalislamischen Auslegungen mit dem angeblichen Ausdruck von Freiheit in Form von sexistischer Werbung begegnet. Das kann es doch auch nicht sein – und das muss ebenfalls Teil der Debatte werden. Wir sind #ausnahmslos gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus.

Und nein, ich möchte damit die begangenen Taten in Köln nicht entschuldigen, den Übel im „Westen“ suchen oder relativieren. Aber wenn hier über Kulturen geredet werden soll, dann bitte richtig und vollständig und nicht in dieser abstoßenden Form wie es gerade passiert und die lediglich dazu führt, dass ein Bild von Männern aus dem „bösen Orient“ gezeichnet wird, die alle „wie Tiere“, gleich nach der Ankunft in Deutschland über blonde, blauäugige Frauen „herfallen“.

Ein Verhaltenstipp für euch

Und weil ich über diesen dämlichen Vergleich mit Brüderle einfach nicht hinwegkomme: Was meint ihr eigentlich wodurch vermeintliche Hemmschwellen abgebaut werden? Ein scheiß „Witz“ trägt dazu ebenso bei wie sexistische Werbung oder eine bestimmte Auslegung religiöser Schriften. Das eine führt nicht automatisch zum anderen, ist aber Teil des Problems. Und genau deswegen beharren wir so sehr darauf Sexismus zu thematisieren! Deswegen „nerven“ wir Feminist*innen euch die ganze Zeit mit diesen Themen. Aber anstatt uns ernst zu nehmen, habt ihr es vorgezogen den #Aufschrei lieber in den Dreck zu ziehen, als „Tugendfuror“ zu bezeichnen und ihr tut es schon wieder indem ihr sexuelle Übergriffe gegeneinander aufrechnet und so den Mythos vom „harmlosen deutschen Mann“ kreiert.

Hört verdammt noch mal auf euch mit uns solidarisieren oder noch schlimmer für uns sprechen, uns gar „schützen“ zu wollen. Wir brauchen eure rassistisch aufgeladene pseudofeministische Kackscheiße nicht! Einen Pseudofeminismus, der spätestens dann wieder vergessen sein wird, wenn es mal wieder darum geht Frauen überhaupt nur in der Sprache sichtbar zu machen.

Ihr wollt uns also „beschützen“? Ich hole euch da ab wo ihr steht:  Fangt damit an uns ernst zu nehmen und unsere Forderungen endlich umzusetzen! Ich brauche diese hier nicht aufzuzählen, ihr kennt sie, denn ihr habt euch oft genug darüber lustig gemacht.

 

Autorin:

Michelle Starck, stellv. Landesvorsitzende der Jusos Berlin

Der Autor: Jusos Berlin

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